Weniger Aggressionen durch Sport?

Im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit bin ich gerade an der Erstellung eines Gewaltpräventionskonzepts beteiligt. Meine Aufgabe besteht, neben der technischen Umsetzung darin, entsprechendes Hintergrundwissen zu organisieren. Das mache ich nicht allein, sondern in einem multiprofessionellen Führungsteam. Nach relativ kurzer Zeit war mir eigentlich klar, dass ich jetzt die Gelegenheit habe Hobby und Beruf für diese Aufgabe miteinander zu verbinden. Ich stelle ganz allgemein die Frage:

Kann man mit Sport Aggressionen mindern?

Der Hintergrund dieser Frage ist es zu evaluieren, ob es sinnvoll wäre ein zusätzliches sportpädagogisches Angebot zu schaffen, um aggressives Verhalten zu mindern. Es geht hierbei nicht nur ums Laufen, sondern allgemein um Sport und Bewegung.

Auffällig waren zunächst die üblichen Stereotypen, vor denen auch ich keinen Halt machte. Der obligatorische Sandsack und Kampfsportübungen kamen dabei ebenso schnell zur Sprache, wie das exzessive Spinning oder halt Joggen. Für alle Beteiligten war es eine Binsenweißheit, dass man nur ausdauernd den mit Sand gefüllten Freund stetig auf die (gedachte) Nase geben muss, um sich wieder zu beruhigen. Aber ist dem wirklich so?

Mythos der Katharsis-Hypothese

Katharsis (griechisch κάθαρσις „Reinigung“) heißt die oft zitierte und weit bekannte Sandsack-Hypothese. Die Idee dahinter ist, dass man durch das Ausleben von negativen Emotionen eben solche auch reduzieren kann. Wenn wir also unseren Wut und Ärger am Sandsack Luft machen, sollen wir uns danach besser fühlen. Die Katharsis-Hypothese wird gelegentlich 1:1 auf andere Sportarten wie z.B. auch Laufen als emotionaler Ausgleich übertragen.

Also einfach einen Sandsack hinhängen oder bis zur Erschöpfung laufen und wir werden ruhiger? So einfach ist das nicht. Zum einen ist die Studienlage nicht so eindeutig wie so oft angenommen wird, und zum anderen kommt es auf die Art der Aktivität an. Korrelationsanalysen die bisher durchgeführt wurden, lassen per se keinen kausalen Zusammenhang zwischen Aggression, Gewalt und Bewegung erkennen (Begg, Langley, Moffitt & Marshall, 1996).

Was ich persönlich etwas verwirrend finde. Zum einen kommt es auf die Art der Bewegung an aber zum anderen lässt die aktuelle Studienlage keinen kausalen Zusammenhang zu. Es ist wie es ist. Nicht so einfach wie gedacht.

Die Art der Aktivität

In der Literatur scheint große Übereinstimmung darüber zu bestehen, dass nichts eindeutig ist was die Reduktion von Aggression und Gewalt durch Aktivität angeht. So scheint aber der negative Einfluss von bestimmten Sport- und Bewegungsformen zumindest durch experimentelle Studien gestützt zu sein.

“Zum Einfluss der Sportaktivität führt Gill (2000) zwei experimentelle Studien an, in denen der Beleg erbracht wird, dass das Betrachten von Sportarten mit höherem Aggressionsgehalt (z.B. Eishockey oder Football) beim Zuschauer stärkere Gefühle der Feindschaft hervorruft als die Betrachtung von Sportarten ohne kämpferischen Gegnerkontakt (z.B. Schwimmen, Turnen). Diese Studien könnten ein Hinweis darauf sein, dass Aggression im Sinne einer sozialen Ansteckung auch durch Beobachtung übertragen werden kann, was auch für die Teilnahme an aggressiven Sportarten gelten würde (Segrave & Hastad, 1982).”

Sport und Bewegung hat vielleicht keinen Einfluss auf die Reduktion von Aggressionen. Wahrscheinlich ist es aber möglich, dass Aggressionen noch verstärkt werden, je nachdem welcher Sportart man nachgeht?

Stressabbau durch Sport

Da auch ich immer davon ausgegangen bin, dass Sport sich super dazu eignet um Aggressionen zu reduzieren, ist die wissenschaftliche Lage bestenfalls ernüchternd. Trotzdem. Ich will etwas finden weil ich mir die Wirkung doch nicht einbilde oder? Wenn ich ehrlich bin, war ich nach einem schönen langen Lauf bestimmt nicht mehr gereizt sondern meistens gut gelaunt. Oder war ich einfach nur zu erschöpft?

Wenn ich mir die Einflussfaktoren von Aggressionen ansehe, haben sie alle eines gemeinsam. Es sind Stressfaktoren. Jetzt sagt man ja Sport, insbesondere dem Laufsport, stressreduzierende Effekte nach. Laufen um den ‘Kopf frei zu bekommen’. Nunja… die Katharsis-Hypothese ist ja auch populär und stellte sich im Nachgang bestenfalls als ‘nicht ganz eindeutig’ heraus. Aber vielleicht wäre das ein Ansatzpunkt. Denn wenn Sport und Bewegung Stress reduziert, würde sich das ja unmittelbar auf negative Emotionen wie Wut und Aggression auswirken? Aber wahrscheinlich ist es, wie es immer ist. Nicht ganz so einfach.

Fazit

Was mache ich nun mit diesen Erkenntnissen und dem Gewaltpräventionskonzept? Es stellte sich heraus, dass dieses Thema sehr interessant und komplex ist. Ich möchte es weiter verfolgen und habe einen Termin gemacht beim Sportmedizinischen Institut in Paderborn. Vielleicht kann man mir dort weiterhelfen. Bis dahin kann ich aber zumindest einschreiten, falls jemand im Team sagt: “Wir hängen einfach einen Sandsack auf…” Denn im Zweifelsfall macht man es damit nur noch schlimmer.

Für mich persönlich macht es keinen Unterschied. Ich will doch nur laufen. 😉

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